Sarah Simonetti & Tanja Nolte: Wann arbeitest Du eigentlich wieder?

„Wann arbeitest du wieder?“

Tanja:

„Wann arbeitest du wieder?“, ist ein Satz, der mir eher als Kinderlose begegnet ist. Ich habe als ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin und Übersetzerin für Deutsch und Englisch mein Leben lang nur Zeitverträge erhalten – eine Unsitte – oder wurde nur über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Läuft so ein Vertrag aus und wird nicht verlängert, fängt die Suche regelmäßig von neuem an. In dieser Zeit wurde ich besonders von älteren Leuten, die ihr Leben lang von Ausbildung bis Rente nur in einem Unternehmen angestellt waren, immer wieder gefragt, wann ich denn wieder zu arbeiten gedenke. Ganz schlimm wurde es, als ich tatsächlich für kurze Zeit in Hartz4 gerutscht bin. „Ja, WILLST du denn überhaupt nochmal arbeiten?“, wurde ich mit zarten 29 Jahren gefragt.

Solche Sätze tun weh und verletzen mich sehr, denn wer mich kennt, sollte eigentlich wissen, dass ich eine sehr engagierte und loyale Arbeitnehmerin bin. Habe ich einen Brötchengeber, setze ich mich zu 100% ein. Außerdem bin ich nicht nur recht intelligent, ich möchte auch nicht, dass meine Ausbildung für die Katz war – ich bin auch noch sehr stolz und nehme ungern Geld von anderen an, wenn ich nicht dafür gearbeitet habe. Dass die Arbeitslosigkeit eh schon am Selbstbewusstsein nagt, muss ich ja wohl nicht erwähnen.

Bei meinem letzten Ausflug in die Arbeitnehmerüberlassung einer Zeitarbeitsfirma – diesmal eine Projektarbeit, darum war der Zeitvertrag ausnahmsweise mal gerechtfertigt – wurde ich schwanger. Obwohl ich noch 2 weitere Monate lang hätte arbeiten können, lief der Vertrag aus.

Kurz und gut: Kind bekommen, Elternzeit, erneute Arbeitssuche. Und ratet mal. Ja, genau: Keine Chance auf dem Arbeitsmarkt! Alle Bewerbungen, kamen sie denn überhaupt zurück, wurden dankend abgelehnt. Kam ich sonst bei geschätzten 80% meiner Bewerbungen immer mindestens bis zur ersten Gesprächsrunde, gab es diesmal eine 100%ige Ablehnungsquote.

Gesellschaftlich ist es aber anerkannt, dass Mama mit Kind nicht arbeitet, denn hier hielten sich die Nachfragen in Grenzen. Über mehr als ein allgemein gehaltenes „Willst du denn auch irgendwann mal wieder arbeiten?“, ging das nicht hinaus.

Dann wagte ich es: Trotz Kleinkind und erneuter Schwangerschaft startete ich im August letzten Jahres in die Selbständigkeit. Endlich etwas tun, was ich kann, gerne mache und eh schon immer in den jeweiligen Unternehmen übernehmen musste: Texte schreiben. Zusammen mit meiner ehemaligen Kollegin Sarah gründete ich die Wortgefährten Simonetti Nolte GbR.

Hatte ich mit Anerkennung und Lob meiner oben genannten Kritiker gerechnet, erntete ich nun auf einmal Unverständnis ob des Zeitpunktes, wenn überhaupt eine Reaktion. „Was? Du willst wieder arbeiten? Und dann auch noch selbständig? Mit Kleinkind und Baby?“

Eine interessante Entwicklung, wie ich finde. Nicht nur, dass ich wieder arbeite, nein, ich nehme auch noch ein gewisses unternehmerisches Risiko auf mich – und es interessiert niemanden. Bei der Gründung – nicht einmal Glückwünsche! Dabei war es harte Arbeit, da wir alles richtig machen wollten! Meine Selbständigkeit ist in meinem Umkreis völlig unter den Tisch gefallen. Und das, obwohl es wirklich gut läuft und wir eine gewisse rosige Zukunftsprognose wagen können.

Wurde ich damals, während meiner Arbeitslosigkeit noch regelmäßig gefragt, wann ich wieder zu arbeiten gedenke, interessiert es nun niemanden mehr, denn mein Job „Mutter“ scheint allen zu genügen. Das liegt daran, dass die meisten meiner Bekannten in den klassischen Verhältnissen gelebt haben und aufgewachsen sind: Papa arbeitet und Mama ist zuhause bei den Kindern. Viele Mütter kämpfen immer wieder darum, dass ihr Job als Hausfrau und Mutter als solcher anerkannt wird: Ein Fulltime-Job! Ich gehöre zu denen, denen das nicht reicht, von den monetären Gründen mal ganz abgesehen.

Man kann es nun sehen, wie man will: Der Vorteil daran ist, dass mich nun niemand mehr unter Druck setzt. Gelinde gesagt, warten alle wenn überhaupt nur auf mein Scheitern als Unternehmerin – mit Erfolg rechnet niemand. Ich kann also den Karren vor die Wand fahren, das wird kein größeres Entsetzen hervorrufen. Und negativ ist auch genau das: Dass niemand damit rechnet, dass ich erfolgreich sein könnte und die meisten meine Existenzgründung einfach ignoriert haben.

Da, trotz der Wortgefährten, meine Priorität bei meiner Familie liegt, gehe ich es ruhig und gemächlich an. Überraschenderweise fiel mein Elterngeld höher aus als erwartet, so kann ich ganz in Ruhe an meinem Erfolg feilen, eine komfortable Situation, die nicht jede hat.

Aber ich mache mir nichts vor, die nächste Frage kommt bestimmt. Spätestens wenn „Kleinling#2“ im Kindergarten ist, geht es wieder los. „Wann arbeitest du eigentlich wieder?“

Sarah:

„Du hast noch nie richtig Geld verdient!“, wird begleitet von „Kannst du dir nicht „richtige“ Arbeit suchen?“, und „Wann verdienst du denn endlich mal Geld mit deiner Selbstständigkeit?“.

Seit August 2015 gibt es nun die Wortgefährten. Wie jeder Unternehmer weiß, dauert es eine Weile bis so richtig was „rausspringt“. Nach fünf Monaten können wir jedoch sagen, dass es gut läuft. Tendenz steigend. Zwar haben wir noch nichts „verdient“, allerdings mussten wir auch keine Förderungen oder Kredite in Anspruch nehmen. Wir haben also kostendeckend gearbeitet. Wir – Tanja und ich – finden das ziemlich gut. Unser Steuerberater auch. Doch Außenstehenden fehlt dieses Verständnis.

Nach zwei abgeschlossenen Ausbildungen und einer Weiterbildung zur staatlich geprüften Betriebswirtin in Fachrichtung Wirtschaftsinformatik erwartet wohl jeder das große Geld. Aber Fehlanzeige! Mit Kleinling#1 wurde ich zum Ende meiner zweiten Ausbildung schwanger. Mein Zeitvertrag ging nach der Ausbildung nur drei Monate, dann lief er aus. Natürlich wurde er nicht verlängert. Die Agentur für Arbeit startete nicht mal den Versuch, mich zu vermitteln. Dann kam die Elternzeit. In dieser Zeit – neben Kleinling#1 und Hausbau – machte ich die Weiterbildung, damit ich auf dem Arbeitsmarkt später bessere Chancen habe. Ein gutes Motiv, der Erfolg blieb leider aus. Denn nach den zwei Jahren, die ich mir für das Kind genommen habe, hatte ich keine Chance auf einen Job. Wir haben keinen Kita-Platz bekommen. Ich fing dann an auf 400 € Basis in der SEO-Agentur meines Bruders zu arbeiten. Das war zunächst ein guter Start, denn ich konnte von Zuhause arbeiten. Letztes Jahr fiel dann der Entschluss, dass ich mehr verdienen will. Also ging ich wieder zur Agentur für Arbeit. Kleinling#1 im Kindergarten untergebracht sollte alles vereinfachen. Der Haken: Die fehlende Flexibilität. Von montags bis freitags von 9 bis 13 Uhr waren die Zeiten in denen ich „auswärts“ Arbeiten konnte. Vermittlungserfolg natürlich gleich Null. Da ich als Texterin in der SEO-Agentur keine Möglichkeit hatte, mehr Geld zu verdienen, sah ich meine Not als Chance und startete mit Tanja die Wortgefährten.

„War es eine gute Idee dich selbstständig zu machen?“

JA! Absolut. Denn welche Möglichkeiten hatte ich? Ob man mich ernst nimmt? Ich bin mir da nicht so sicher. Die Familie hält sich zurück, unterstützt mich aber, wo sie kann. Einzig mein Mann erlaubt sich Kritik, denn er ist momentan der Alleinverdiener und das ist sehr schwer. Dennoch glaube ich, dass die anderen Familienmitglieder, meine Selbstständigkeit nicht ganz so ernst nehmen. Denn wenn es nicht läuft, könnte ich mir ja auch einen „richtigen“ Job suchen. Dabei arbeite ich jetzt auch. Den ganzen Vormittag und an Nachmittagen und Wochenenden, wie es die Betreuung von Kleinling#1 zulässt. Da ich von Zuhause aus arbeite, denken wohl alle ich sitze jeden Tag vergnügt mit dem Kaffee vor meinem Rechner und surfe vor mich hin.

Also „Wann arbeite ich denn nun endlich wieder (richtig)?“

Über die Wortgefährten:

Die Wortgefährten Simonetti Nolte GbR gibt es seit dem 01.08.2015. Wir schreiben Texte für Webseiten (suchmaschinenoptimierte Texte, Produkttexte, Blogbeiträge u.v.m.), übersetzen von Deutsch nach Englisch und umgekehrt und schreiben Kinderbücher. Das letzte Projekt von Tanja Nolte war „Fredel – Oder: Das Wunder vom Freibad“.

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Ein Gedanke zu “Sarah Simonetti & Tanja Nolte: Wann arbeitest Du eigentlich wieder?

  1. Hallo Ihr Beiden. Ich drücke euch ganz fest die Daumen und bedanke mich für den schönen, ehrlichen Blogbeitrag über die Entstehung eines Texter-Büros.

    „Kannst du dir nicht “richtige” Arbeit suchen? Zum Beispiel bei Netto an der Kasse?“ – Solche Fragen haben mich anfangs furchtbar aufgeregt. Inzwischen kann ich darüber nur noch müde lächeln. 😉

    Liebe Grüße, Claudia

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