Im Gespräch mit Anja Goritzka – Kinderbetreuung und Selbstständigkeit, wie passt das eigentlich zusammen?

Die jeweilige Zeit genießen –  weder Karrierefrau noch Hausfrau sein

„Ich rufe an, weil ihr Sohn gerne nach Hause möchte“, klang es letzte Woche aus dem Telefon. Am anderen Ende war eine Horterzieherin, die es sicherlich nur gut meinte mit meinem Ältesten (er ist jetzt neun Jahre), mich aber erstmal verwirrte. „Ehm, ja, das ist manchmal so, aber ich muss arbeiten“, war meine ehrliche Antwort. Ihr Satz dann machte mich dennoch sauer: „Aber sie sind doch daheim. Dann kann er doch auch nach Hause.“  „Ja, ich bin daheim, weil ich hier mein Büro habe.“ „Aber sie können doch auch arbeiten, wenn er daheim ist. Er stört doch nicht“, argumentierte sie weiter und langsam merkte ich, wie ich wütend wurde. „Nein, mein Sohn kann nicht vorzeitig aus dem Hort nach Hause und nein, ich kann mich jetzt nicht um ihn kümmern, da ich arbeite und meine Deadline für einen Kunden einhalten muss. Was meinen Sie, was passiert, wenn ich meinen Kunden vertrösten muss? Bitte schicken Sie ihn zu den angegebenen Zeiten heim, danke!“ Sowas hatte ich schon öfters erlebt: Du bist doch daheim, du kannst doch deine vier Kinder daheim betreuen, wo ist das Problem?! Und immer wieder antworte ich: Ja, ich habe mein Büro hier zu Hause, das heißt aber nicht, dass ich Hausfrau bin.

Ich habe mittlerweile eine Hand voll fester Kunden, für die ich Texte schreibe, fotografiere und plane und organisiere, die sich auf mich verlassen: Halte ich eine Deadline nicht, sind sie verärgert und springen womöglich ab. Ich bin sehr gerne texte & mehr – freie Journalistin und entschied mich bewusst für diese Freiberuflichkeit, auch und gerade der Kinder wegen. Wie habe ich die Frage gehasst, als ich mich auf feste Stellen in Redaktionen bewarb: Wie machen Sie das denn mit den Kindern, wenn die krank sind? Ja, diese gab es, obwohl nicht erlaubt! Damals hatten wir zwei Kinder und beide gingen in eine Kindertagesstätte. Bei Krankheit waren wir durch meine Eltern und Freunde und durch meinen Mann abgesichert. Der ist zwar angestellt, aber kann dennoch sehr flexibel arbeiten. Trotzdem, immer wieder diese Fragen und dann nach den Vorstellungsgesprächen die Absagen. Das zerrte! Durch eine Mentorin fand ich meinen Weg: Die Freiberuflichkeit! Ich hatte trotz dem Bestreben nach einer Festanstellung schon Ende 2009 zwei Auftraggeber für Artikel. Also hieß es nur: Ausbauen! Und das klappte hervorragend! Mittlerweile arbeite ich im Schnitt 20 Stunden die Woche, zusätzlich nehme ich mir gut sechs Stunden pro Woche Zeit für Fortbildung und eigenes Bloggen über meine Familie in Groß.

Für meinen Mann und mich gehört aber das Arbeits- und Familienleben untrennbar zusammen. Wir haben nur ein Leben! Wir arbeiten beide in Berufen, die uns erfüllen, die uns Spaß machen und die wir bewusst gewählt haben. Es sind also kleine Berufungen! Dennoch war uns immer klar: Wir wollen Großfamilie! Wir wollen nicht nur zwei Söhne, wir wollen mehr! Jetzt haben wir vier Kinder, drei Söhne (*2006, *2008 und *2015) und eine Tochter (*2014). Da mein Job eben mehr ist als ein Job habe ich in den letzten beiden Schwangerschaften immer bis zur Geburt gearbeitet. Das geht ganz gut, wenn man vieles am Computer erledigen kann. Meinen Kunden habe ich einen Zeitpunkt gesagt, ab den ich einfach nicht mehr Auto gefahren bin, so dass ab diesem  Vor-Ort-Termine ausfielen. Nach den Geburten habe ich mir je zwei Wochen Pause gegönnt und bin dann mit Baby an meiner Seite hier im Büro wieder eingestiegen. Zu Terminen kam das Baby dann einfach mit oder mein Mann nahm das Kleinste dann mit in sein Büro. Das klappte übrigens bei unserer Tochter hervorragend, da sie eine kleine stille Maus war. Bei unserem Baby-Boy sah das jedoch anders aus: Er weinte viel und schrie, so dass mein Mann ihn nicht so gut mit in sein Büro mitnehmen konnte. Manchmal habe ich dann Freundinnen gefragt, ob sie ihn mal für eine Stunde nehmen konnten. Oder eben die gute alte Nachtarbeit reaktiviert, wobei ich da wirklich merke, dass ich das kaum noch durchhalte. Dennoch haben wir uns um Krippenplätze bemüht und vom hiesigen Jugendamt, die den Bedarf bestätigen mussten, immer schnell eine Zusage bekommen: „Wenn Sie arbeiten wollen, können Sie das“, war eine Aussage der zuständigen Beraterin. Als das jeweilige Baby sechs Monate alt war, ging es in die Krippe der Kindertagesstätte, in der auch unsere Söhne schon waren, zusammen in eine Gruppe mit seiner Schwester. Vorteile: Sie haben sich, es treten keine zusätzlichen Fahrzeiten auf, beide werden gleichzeitig gebracht und geholt. Die beiden Großen werden von Anfang an nach der Schule im Hort betreut. Wir legen aber auch großen Wert darauf, dass die beiden Selbständigkeit lernen: Sie fahren mit dem Rad zur Schule und zurück und zu ihren Freizeitaktivitäten. Wenn sie nachmittags herkommen, bin ich meist hier, mache eine Arbeitspause und bin dann ganz bewusst für die beiden da: Schaue die Hausaufgaben nach, mache ihnen Essen, spiele mit ihnen, unterhalte mich mit ihnen, bevor sie dann wieder losfahren zum Sport oder den Pfadfindern oder zu ihren Freunden. Einmal die Woche nehme ich mir nachmittags frei und gehe mit den beiden Kleinen zum Eltern-Kind-Turnen und einmal im Monat habe ich an einem Nachmittag ein Date mit dem Großen. Wir gehen ins Museum oder in die Bibliothek, Eis essen oder zum Bäcker: Wichtig bei so vielen kleineren Geschwistern! Bei Wochenendterminen ist mein Mann für die Kinder da und wenn es hart auf hart kommt(wenn mein Mann auch Auswärtstermine hat), verreist unsere Tochter auch mal für ein paar Tage zu Oma und Opa und ich rufe für unseren Baby-Jungen unsere Babysitterin an.

Wir sind als Eltern erstaunlich flexibel, organisieren uns beide gut und teilen uns eben alles, sowohl Haushalts als auch Planungen rund um die Kinder. Ich denke, nur so kann es gehen! Die Aufgaben bzw. Jobs der Partner müssen gleichwertig nebeneinander stehen und Arbeitsalltag und Familienalltag müssen zusammen gehören, denn wir haben eben nur das eine Leben! Ich bin aber genauso wenig Karrierefrau wie ich nur Hausfrau bin. Ich möchte alles und dafür organisier ich mich so, dass ich alles bekomme. Oft höre ich dann: Wie machst du das bloß? So viel Power möchte ich auch gerne haben? Wenn ich so auf unser Leben schaue, frag ich mich das ehrlich auch manchmal. Vielleicht ist es schon mit einer anderen Grundeinstellung getan? Manchmal möchte ich einfach nur sagen: Macht euch als Mompreneur nicht klein, nutzt die Dienstleistungen, die da sind, vertraut auf eure Kinder, die können so manches auch alleine, wenn ihr es ihnen beibringt, und genießt die jeweilige Zeit!

anja goritzka bei der arbeit fotografie

Liebe Anja, vielen Dank für den wunderschönen Beitrag!

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